Was mein Versagen mich lehrte

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Im letzten Jahr während ich an meiner Masterarbeit schrieb entwickelt ich das grosse Verlangen, ins Wasser zu springen. Jede Gelegenheit, die sich ergab, nutze ich also fortan um von Stegen oder Erhebungen aus ins Wasser zu springen. Mein erklärtes Ziel war es deshalb auch, nach der Abgabe der Masterarbeit in einem Freibad vom 5-Meter-Brett zu springen.


Der Sprung als Befreiung

Frag mich nicht, woher dieser Wunsch kam… Springen bedeutet ja auch immer irgendwie loslassen und das 5-Meter-Brett wäre demnach das ultimative Loslassen und damit wahrscheinlich auch ein Loslösen von all dem Masterarbeitskram. Jep, das wollte ich, ich wollte mich frei fühlen und keinen Abgabetermin mehr im Nacken haben. Immer wieder dachte ich voller Vorfreude an den 5-Meter-Turm und daran, wie cool und befreiend es werden würde, auf dem Turm zu stehen und dann einfach zu springen.

Die Masterarbeit war dann irgendwann erfolgreich abgeschlossen und abgegeben und der Tag war gekommen, an dem ich vom Turm springen wollte. Planerin, wie ich eine bin, nahm ich mir vor erst eine halbe Stunde lang zu schwimmen, dann erst vom 3-Meter- und anschliessend vom 5-Meter-Turm zu springen, dann rutschen zu gehen und mich abschliessend genüsslich in die Sonne zu legen. Klang in meinem Kopf nach einem perfekten Plan.

Ich begann damit, genüsslich meine Bahnen zu schwimmen und beobachtete ein paar Kinder, die vom 3-Meter- und ein paar besonders Mutige, die vom 5-Meter-Brett sprangen. Ich freute mich schon, denn gleich würde auch ich springen. Nachdem ich eine halbe Stunde meine Bahnen gezogen hatte, bestieg ich den 3-Meter-Turm und – sprang, ohne zu zögern und ich genoss es.


Ich tat - nichts

Mit relativ viel Selbstvertrauen stieg ich auf den 5-Meter-Turm und stellte schnell fest: „Fuck, 5 Meter sind aber deutlich mehr als 3“. Nach dieser bahnbrechenden Feststellung verbrachte ich bestimmt 2 Stunden auf diesem Turm.

Ja, du hast richtig gelesen: 2 Stunden.

Ich muss vielleicht dazusagen, dass ich ein sehr zielstrebiger Mensch bin und wenn ich mir etwas vornehme, dann ziehe ich es in der Regel auch durch. Also stand ich da oben auf dem Turm, schaute immer wieder runter, ging nach ganz vorne zur Absprungstelle, ging wieder nach hinten, beobachtete andere Menschen, redete mir innerlich gut zu und coachte mich selbst, nahm mir vor, beim nächsten Vogelschwarm oder wenn Person XY ihre Bahn fertig geschwommen war, zu springen, doch ich tat: Nichts.

Ah, nein, das stimmt nicht ganz. Ich kletterte immer wieder runter, um vom 3-Meter-Brett zu springen, um mir zu beweisen, dass ich es konnte - das Springen.


Angst: 1 - Anna: 0

Ich sagte mir, dass, wenn ich es beim 3-Meter-Brett schaffe, ich es auch beim 5-Meter-Brett schaffen würde. Ich erinnerte mich daran, dass ich anderen immer Mut zuspreche und ihnen rate, durch die Angst hindurch zu gehen. Etwas, das ich in der Regel auch selber tue. Denn meist mache ich die Dinge erst recht, wenn ich Angst vor ihnen habe, weil ich nicht möchte, dass die Angst Macht über mich und mein Leben hat.

Ja, was soll ich sagen? In diesem Fall war es anders: Angst: 1 – Anna: 0.

Ich bin tatsächlich nicht gesprungen. Ich konnte es nicht. Irgendwie war da auch diese unerklärliche Angst, dass ich mir beim Sprung vom 5-Meter-Brett den Kopf am Brett anschlagen könnte. Eine Angst, die im Fall vom 3-Meter-Brett, überhaupt nicht bei mir aufkam.

Immer wenn ich weiter vorne in Richtung Absprungbereich kam, kam ich irgendwann an den Punkt, an dem ich innerlich blockierte, trotz meines guten Zuredens mir selber gegenüber. Ich konnte nicht umsetzen, was ich sonst meist schaffe und anderen rate. Ich sagte mir immer wieder:


„Hinter der Angst liegt die Freiheit“

„Du wirst dich so gut fühlen, wenn du das geschafft hast“

„Komm‘ mach es, du hast nicht so schnell wieder die Chance von einem 5-Meter-Turm zu springen“

„Du musst dich nur einmal trauen“ und

„Du hast das doch schon mal geschafft! Das schaffst du jetzt auch“.


Es half alles nichts und erschwerend kam hinzu, dass ich Termindruck hatte. Tatsächlich kam ich sogar zu meinem Termin zu spät, weil ich hoffte, dass ich es doch noch in letzter Minute schaffen würde, zu springen.

Nope, es ging nicht.

Ich nahm mir aber vor, nach dem Termin wiederzukommen, um es noch einmal zu probieren, denn ja, wenn ich mir etwas vornehme, dann will ich es auch schaffen. Ich kehrte also nach meinem Termin zurück und sass nachdenklich vor dem Freibad und fragte mich, wie viel Sinn es machen würde, noch einmal reinzugehen.

Ich wusste, ich würde nicht so schnell wieder die Chance haben, von einem 5-Meter-Turm zu springen, einfach weil das Schwimmbad nicht bei mir in der Nähe ist und ja, ich hatte es mir vorgenommen zu springen, also wollte ich es tun.


Die wichtigste Frage: Was darf ich daraus lernen?

Ich ging nicht mehr ins Freibad.

Weil ich mir ersparen wollte, wieder da oben zu stehen und es vielleicht nicht zu tun, da mein Mindset an diesem Tag, nach dem Turm-Erlebnis eher auf „losing“ als auf „winnig“ eingestellt war.

Doch die Entscheidung dagegen, änderte nichts an meiner etwas deprimierten Stimmung. Ich hatte von meinem Plan nur Punkt 1 (schwimmen) und Punkt 2 (3-Meter-Turm) erledigt, nicht aber Punkt 3 (5-Meter-Turm), Punkt 4 (rutschen) und Punkt 5 (sonnen). Ausserdem war ich zu sehr daran gewöhnt die Dinge zu erreichen, die ich mir vornehme und deswegen fühlte ich mich gerade, als hätte ich verloren.

Doch dann kamen mir die entscheidenden Fragen in den Sinn:


Was kann ich daraus lernen?

Oder anders:

Warum ist es so gelaufen, wie es gelaufen ist? Was will mich das Leben damit lehren?


Denn tief in mir drin, wusste ich ja, dass mir das Leben dient, egal, wie wenig es manchmal danach aussieht. Manchmal braucht man nur einen Moment länger, um sich wieder an diese Wahrheit zu erinnern.

 Als ich mich selbst mit diesen Fragen konfrontierte, stellte ich fest, dass ich meiner Angst mit der „Brechstangen“-Methode begegnet war. Was ich damit meine, ist, dass ich zwar mit motivierenden Worten auf mich einredete, aber nichtsdestotrotz doch viel Druck mir selbst gegenüber aufbaute, es schaffen zu müssen. Ich bestrafte mich sogar indirekt selber, in dem ich nicht rutschen oder mich sonnen ging, weil ich den dritten Punkt auf meiner Liste, nämlich den Sprung vom 5-Meter-Turm, nicht geschafft hatte.


Das Leben findet (auch) ausserhalb der To-Do-List statt

Das Paradoxe ist, dass das 2-stündige Stehen auf dem Turm wahrscheinlich weniger förderlich für meinen „Sprung-Erfolg“ war, als vielleicht ein wenig Abstand und Entspannung durch Rutschen und Sonnen gewesen wären. Stattdessen hielt ich eher unbewusst krampfhaft an der Reihenfolge meiner To-Do-List fest.

Vor allem, was wir nicht vergessen dürfen, diese To-Do-Liste hat mir niemand anderes, ausser ich mir selber, aufgetragen. Bei dem Wunsch diese abzuarbeiten, vergass ich nur leider den Spass an der ganzen Sache. Ich hätte es auch mit Humor nehmen können, mir sagen können, dass es, was den Sprung vom 5-Meter-Brett angeht, wohl nicht so mein Tag war und hätte einen entspannten restlichen Vormittag im Freibad verleben können.

Hab ich aber leider nicht. Denn ich wollte meine To-Do-List abarbeiten und dabei habe ich auf diese Weise nicht nur den Sprung nicht geschafft, sondern auch den Spass an der Sache vernachlässigt.

Und so sehr ich Listen liebe, aber es gibt Grenzen und diese Grenzen hat mir mein „Versagen“, nicht zu springen, aufgezeigt. Ich realisierte, dass etwas, das eigentlich als Spass und Befreiungsritual von meiner Masterarbeit gedacht war, zu einer Pflicht geworden war.


Erst die Arbeit, dann das Vergnügen?

Doch nicht nur das. Ich liess auch zu, dass die Umsetzung dieser Pflicht, die ich mir selbst auferlegt hatte, auf Kosten von meinem Vergnügen ging. Wäre der Termindruck nicht gewesen, dann wäre ich wahrscheinlich gesprungen und hätte noch Zeit für meinen Spass gehabt, ich kenne mich. Aber der Termindruck war nun mal da und anstatt irgendwann „aufzugeben“ und zu sagen: „Es soll wohl heute nicht sein“ und auf die Rutsche zu gehen, blieb ich auf dem Turm.

Ganz nach dem Motto: „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, das ich leider zu sehr verinnerlicht habe, wie man an diesem Beispiel sieht. Doch genau solche Momente brauchen wir, um in einer ruhigen Minute festzustellen: „Moment mal, wieso war ich eigentlich so hart zu mir?“. Denn worum ging es? Es ging um einen dummen Sprung, den ich mich an diesem Tag nicht traute.


Don’t be so hard on yourself

Rückblickend bin ich jedoch auch für diesen Vormittag dankbar, denn ich wurde wieder daran erinnert, dass der Spass und das wahre Leben ausserhalb von Listen stattfinden und ich viel zu streng mit mir war. Denn natürlich ist es toll durch Ängste hindurchzugehen und sie zu überwinden, aber manchmal schaffen wir es eben nicht und das ist okay. Das realisierte ich nun.

Mir fiel wieder ein, was ich zu meiner kleinen Schwester sage, wenn ihre Hundeangst sie mal wieder stärker übermannt als sonst:

"Du hast dein Bestes gegeben! Du warst mutig, denn du bist raus gegangen, obwohl an jeder Ecke ein Hund sein könnte. Du hast dich deiner Angst gestellt und ja, vielleicht warst du „unentspannter“ als sonst, aber immerhin hast Mut bewiesen, indem du rausgegangen bist.”

Diese Momente, in denen wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten oder gar einen Rückschritt gemacht zu haben, gehören dazu und sie sind absolut menschlich. Je nach Tagesform sind wir mal mutiger, mal ängstlicher und das ist total normal und völlig okay.

Genau, diese Momente sind es doch, durch die wir innehalten, reflektieren und lernen dürfen. Sie gehören dazu, wie die Erfolgsmomente. Eigentlich sind es doch die vermeintlichen Tiefpunkte, Aussetzer und Momente des Versagens, die uns unglaublich wichtige Dinge lehren und uns erst auf zukünftige Erfolge vorbereiten.


Was mich der 5-Meter-Turm lehrte

Mich hat mein „Versagen“ gelehrt, disziplintechnisch manchmal einen Gang zurückzuschalten und das Leben und meinen Spass nicht aufgrund von To-Do’s zu vernachlässigen.


Denn, Überraschung, To-Do-Listen enden im Prinzip nie.


Es gibt immer neue Dinge, an denen wir arbeiten dürfen, was auch schön ist. Wir wollen ja produktiv sein und Dinge erreichen, aber eben nicht immer. Diese Erkenntnis sollte uns aber erst recht darin bekräftigen, unser Vergnügen sehr wichtig zu nehmen und nicht wieder und wieder aufzuschieben.

Was ich auch erst im Nachhinein, vor dem Freibad sitzend realisierte, war, dass ich den Sprung in der Zeit vielleicht geschafft hätte, wenn ich mir etwas Entspannung auf der Rutsche und in der Sonne gegönnt hätte. Meistens hilft loslassen einfach mehr als krampfhaft an etwas festzuhalten beziehungsweise zu arbeiten.

Ich weiss allerdings auch, dass ich zu dem Zeitpunkt mein Bestes gegeben habe. Ich habe mir positiv zugeredet, bin immer wieder vom 3-Meter-Brett gesprungen, um mir zu zeigen, dass ich mich traue zu springen und habe den Willen gehabt, es zu tun. Es war einfach mit viel zu viel Druck, das weiss ich jetzt.

Eines ist sicher, wir können Plänen schmieden, an ihrer Umsetzung arbeiten, aber so manches Mal läuft das Leben dann doch anders als unsere Pläne. Aber genau das ist das Leben und wenn es von unseren Plänen abweicht, dann hat es in den allermeisten Fällen, ich würde, glaube ich, sogar sagen, in allen Fällen, einen triftigen Grund, nur verstehen wir ihn meist erst im Nachhinein.


Vertraue dir und dem Leben

Ich denke, wir dürfen uns in dieses Vertrauen begeben, dass alles einen Sinn hat und für irgendetwas gut ist oder sein wird. Ich kann heute auf mein Leben mit seinen grossen und kleinen „Versagensmomenten“ und negativen Phasen zurückblicken und weiss, wofür sie alle gut waren. Tatsächlich empfinde ich sie auch nicht mehr als Versagen. Denn nicht nur weiss ich, dass ich in all diesen Situationen mein Bestes gegeben habe, sondern ich weiss auch, dass es für etwas gut war, dass ich zum Beispiel nicht gesprungen bin.

Versuch also bei dem nächsten „Versagensmoment“ in einer ruhigen Moment zu reflektieren, was wohl der Grund für ihn ist und was du aus ihm lernen darfst. Dann fängst du nämlich an, nicht nur das negative am „Versagen“ zu sehen, sondern auch seinen Gewinn. Und noch etwas dürfen wir tun:


Wir dürfen vertrauen:

Uns, dass wir immer das Beste geben, was wir im jeweiligen Moment fähig sind zu leisten. (Was übrigens für jeden Mensch anders aussieht.)

Dem Leben, dass es weiss, was wir gerade bereit sind, zu lernen. (Das Leben verläuft nicht gradlinig und das ist auch gut so. Erst die Abzweigungen und Kurven machen es spannend und uns zu dem, wer wir heute sind: besondere und einzigartige Personen mit ihrer ganz individuellen Geschichte.)

 

Jetzt würde mich interessieren, was deine kleinen oder grösseren Versagensmomente waren und was sie dich gelehrt haben. Kannst du gnädig auf sie und dich schauen oder verurteilst du dich manchmal noch dafür, dass du „versagt“ hast?

 

Lass es mich gerne in den Kommentaren wissen.

 

Alles Liebe,

Deine Anna